BIENNALE CUVÉE 2010

Errorist Kabarett BIENNALE CUVÉE 2010

photos:
http://www.flickr.com/photos/42476840@N08/

slide show
http://www.flickr.com/photos/42476840@N08/show/

errorist_kabaret_cuvee_ (9) por ERRORIST KABARET.

(Text zur Originalinstallation bei der 11. Bienniale von Istanbul)

Das „Errorist Kabarett” erscheint plötzlich vor unseren Augen, während wir durch die Hallen der Biennale in Istanbul wandern. Dies ist ein Ort zum Sich-Verlieren, ein Treffpunkt, an dem Irrtümer in etwas Positives verwandelt werden, und ein Raum für kollektives Spiel. Hier ist das Publikum die Protagonistin. Schau-spieler durchwandern den Raum und werden zu einem Teil des Kunstwerks, statten es mit Leben aus und vervollständigen es durch ihre Gegenwart.

Unter den abgenutzten Kulturinstitutionen ist das Kabarett ein sicherer Ort, der die Widersprüche zwischen dem, was jemand besitzt, und dem, was er oder sie will, ins Rampenlicht rückt. Beim „Errorist Kabarett“ kann der oder die Einzelne immer trinken, rauchen, essen, sich übergeben, spielen, lachen und weinen.
Es ist der ideale Ort für verbotene Praktiken, der Geburtsort für die Ideologien des neuen Millenniums.

An diesem Ort werden Liebesschwüre abgegeben und die Irrtümer der internationalen Wirtschaft und Politik diskutiert. Von anderen Shows vor Ort unterscheidet es sich darin, dass beim „Errorist Kabarett“ die SchauspierInnen die Rollen mit anderen Spielern wechseln und mit den Kunstwerken und den Objekten in Interaktion treten können.

Hier können Flaschen denken, Tische mit Gemälden plaudern, Gläser Menschen trinken und Aschenbecher sind immer voll mit Gedichten.
Der Raum ist voll; heute gibt es eine Sondervorstellung. Die Truppe auf der Bühne ist emsig. Es gibt Zauberer, IllusionistInnen, SängerInnen, KomödiantInnen, Mimen und VertreterInnen der verschiedensten Denkrichtungen.
Sie flüstern, dass die Show gleich beginnt.

errorist_kabaret_cuvee_ (14) por ERRORIST KABARET.

Die Vorhänge sind offen:

Erster Akt: Die Begierde des Objekts.

Von einer Ecke des Raums lächelt Bertolt Brecht die Piratin Jenny an. König Übü hebt still sein Glas, um einen Trinkspruch abzugeben, und trinkt es aus. Duchamp bewegt einen Turm auf dem Schachbrett, und jetzt ist die Lady an seiner Seite an der Reihe.

Eine unbekannte Frau klettert auf die Bühne, lächelt die Intellektuellen an und ruft:

Frau: „Wie können wir artikulieren, was wir wollen, wenn sie es noch nicht wissen?”

Der Clown unterbricht: „Guten Morgen, guten Nachmittag, guten Abend! Willkommen ins neue Millennium. Wir erwarten mehr Katastrophen, Klimakatastrophen, Pests, Viren und Kriege überall.”
Von hinter der Vorbühne fragt der Puppenspieler:„Also, was gibt’s Neues?
„Wir treten jetzt ins Zeitalter des Irrtums ein!” kündigt der Zauberer an, mit seinem Blick fixiert er einen Tisch mit Spielkarten.

Die Öffentlichkeit antwortet im Chor, alle gleichzeitig: „Ist das das Ende der Postmoderne?”

Durch das Fenster im Hintergrund sehen Sie den türkisen Samt des Bosphorus und eine riesige Brücke, die die beiden Welten verbindet und voneinander trennt. Die roten Vorhänge sind offen und lassen den Blick auf Mond und Sterne frei. Einige Leute reden und lachen. Andere sehen dem Spektakel schweigend zu. In der Bar herrscht eifrige Aktivität, die ein Bewusstsein für die Irrtümer dieser Welt suggeriert.

Der Vorhang fällt.

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Zweiter Akt: Das Objekt der Begierde.

Die Lichter des Raums sind ausgeschaltet. Alle bleiben still und ihr Reden verliert sich in der Luft wie ihre Gedanken. An den Wänden des „Errorist Kabarett” hängen zwanzig Gemälde. Landschaften und Porträts, romantische Bilder, romantische Unruhen und historische, epische Liebesszenen. Die Wände des Kabarett saugen Rauch auf, Schweiß und den Duft imitierter Parfüms. Gemurmel ist zu hören. Dieses Mal sprechen die Objekte.

Plötzlich ruft ein kleines Gemälde von ganz unten:

Gemälde: „Wir müssen der Kunst wieder das Leben zurückgeben und dem Leben wieder die Kunst!”

Aschenbecher auf dem Tisch antwortet: „Museum-Mausoleum!”

Tasse mit Tee spricht mit dem Gemälde: „Hör mir zu! Weißt du, wen du darstellt? Du musst dich hinsetzen und über all die Sponsoren nachdenken, die du anpreist!”

Gemälde: „Wirklich, glaub mir, jeden Tag frage ich mich… Wer bin ich? Ich, die ein Tausend Mal lächelte. Ich, die nicht einmal etwas darstellt, für niemanden, der mich sieht oder an mir vorbeigeht, ohne mich nur einmal anzusehen.”

Flasche mit Wein: „Ich fühle mich leer, fast wie Abfall.”

Tasse mit Tee: „Ich verstehe nicht, wie du dich leer fühlen kannst, wenn du alles verbraucht hast, was Glück vermittelt.”

Flasche Whiskey: „Wir haben keine Zukunft, weil unsere Gegenwart zu flüchtig ist. Wir haben nur Risk Management.” Die Flasche lächelt und fährt fort. „Wenn es keine Liebe gibt, ist die Substanz gehemmt. Die Bewegung ist beeinträchtigt. Es ist eine Art Enfremdung von dir selbst.”

Tasse mit Tee: „Ich bin gebrochen. Liebe ist zu einem Irrtum geworden, und genau hier wird die Bewegung aktiv…Jetzt kann ich verstehen, warum ich so verletzlich bin.”

Flasche Wein: „Du solltest glücklich sein; verstehst du nicht? Wir sind für ihre ganzen sozialen Bedürfnisse da, für ihr Konsumdenken. Wir sind wichtiger für sie, als sie für sich selbst sind. Denk doch mal nach! Unsere Schwäche ist unsere Stärke.”

Aschenbecher: „Konsumieren, konsumieren und konsumieren! Das ist der einzige Grund, warum sie uns mögen.”

Der Stuhl unterbricht: „Wir sollten einen Streik organisieren, auch die Objekte haben Rechte!”
Zu diesem Zeitpunkt treffen sich alle Objekte. Die Lichter im Kabarett werden plötzlich angedreht. . Alles wird hell erleuchtet. Der Zauberer betritt die Szene und kündigt an, dass die Vorstellung gleich beginnt. Mit seinem Zauberstab berührt er jedes einzelne der belebten Objekte.
Draußen legt sich die Nacht über Istanbul. Gerüchte und geheime Reden zwischen dem Mond und den Sternen sind zu hören, die von den Straßen kommen. Die Menschen wandern ziellos umher: Sie sind in den dunklen Labyrinthen verloren. Schatten, Flaggen, Augen, Megaphone, Steine, Wörter und Schweigen vervollständigen das Bild.

Dies kann der Anfang oder das Ende sein, aber jemand schreit von der Bühne:
-Wir bezahlen keine Eintrittsgebühren, wie haben keine Auftritte, wie verkaufen keine Eintrittskarten! Wer immer eintreten will, kann herein. Wenn wir uns dafür eintscheiden, in die Szene zu klettern, werden wir dies tun.

Daher: The show must go on!

Der Vorhang hebt sich und fällt unzählige Male.

(Die Poetik des „Errorist Theater” erfindet keine unwahren Szenarios oder einseitige Konventionen. Sie sucht nach sozialen Szenarios und passt diese an, arbeitet sie in die Szene ein. Es spielt keine Rolle, wer Schauspieler ist und wer zusieht: die Dramaturgie wird durch die Abfolge und die Gleichzeitigkeit der Irrtümer festgelegt. Hier gibt es keine Probe: die dramatische Handlung resultiert aus der Karte der Irrtümer des Lebens.)

errorist_kabaret_cuvee_ (26) por ERRORIST KABARET.

Südamerikanische Erroristen verübten Anschlag auf Biennale

http://cmsdevooe.posimis.com/index.php?id=60172&MP=61-157

„Biennale Cuvée“: Scharfe Mischung mit Prickel-Garantie

http://www.nachrichten.at/nachrichten/kultur/art16,345450

Biennale Cuvée 10: Zeitgenössische Kunst im Querschnitt

http://www.kulturwoche.at/index.php?option=com_content&task=view&id=2256&Itemid=1

Biennale Cuvée 2010 Trailer

http://vimeo.com/10430455

https://i0.wp.com/www.artipool.de/fotos/OK_Offenes%20Kulturhaus%20Oberoesterreich_2010_03_09-08_51_24-1.jpg

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